Rezension von
Bini Adamczak, Der schönste Tag im Leben des Alexander Berkman. Vom möglichen Gelingen der Russischen Revolution (Münster: edition assemblage, 2017)

Diese Rezension erschien ursprünglich in Gaidao, Nr. 86, Februar 2018.

Am 21. Dezember 1919 lief aus einem New Yorker Hafen ein Schiff namens Bulford aus. An Bord befanden sich 249 anarchistischer Umtriebe angeklagter Personen, die in die USA eingewandert waren und nun mithilfe des 1903 erlassenen und 1918 ausgeweiteten Anarchist Exclusion Acts des Landes verwiesen wurden. Unter ihnen waren zwei der damals wie heute international bekanntesten Anarchist*innen: Emma Goldman und Alexander Berkman. Sie waren auf dem Weg zurück nach Russland, ein Land, das gerade eine Revolution von welthistorischer Bedeutung erlebt hatte. Sie erreichten es am 20. Januar 1920. Berkman sollte in seinem 1925 erschienenen Buch Der bolschewistische Mythos schreiben: „Es war der schönste Tag meines Lebens.“

Diese Bemerkung ist der Ausgangspunkt für Bini Adamczaks Essay Der schönste Tag im Leben des Alexander Berkman. Vom möglichen Gelingen der Russischen Revolution. „Wie“, so fragt die Autorin, „lässt sich diese Auskunft verstehen, wie erklärt sich das Glück, von dem sie handelt?“

Berkmans Begeisterung für die Russische Revolution war unter Anarchist*innen seiner Zeit keineswegs einzigartig. Sie wurde nicht nur von Goldman geteilt, sondern von vielen Anarchist*innen, auch in Russland. Philippe Kellermann hat dazu in seinem im Karl Dietz Verlag erschienenen Band Anarchismus und Russische Revolution wichtige Beiträge gesammelt. In der Zeitschrift Ne znam (Nr. 5 und 6) hat er zudem dokumentiert, wie die Debatte zur Russischen Revolution in Der Syndikalist, der Zeitschrift der anarchosyndikalistischen FAUD, geführt wurde. Erich Mühsam eröffnete seinen 1920 verfassten Erlebnisbericht zur Bayrischen Räterepublik, „Von Eisner bis Leviné“, mit den Worten: „Zur Aufklärung an die Schöpfer der russischen Sowjetrepublik, zu Händen des Genossen Lenin.“

Dies erinnert uns zunächst daran, dass viele Anarchist*innen jener Zeit in anderen linken Strömungen nicht primär Feinde sahen, sondern Genoss*innen, mit denen zusammen sie Kapitalismus und Staat zu überwinden gedachten, ungeachtet strategischer Differenzen. Auch wenn diese solidarische Einheit bald zu bröckeln begann – sowohl Goldman als auch Berkman, und mit ihnen Tausende von Anarchist*innen weltweit, zeigten sich nur ein knappes Jahr nach ihrer Ankunft vom Bolschewismus enttäuscht und desillusioniert –, verweist sie auf den gemeinsamen Traum, der der radikalen Linken bis 1917 zu eigen war, trotz der Spaltung der Ersten Internationalen 1872 und anderer Zwistigkeiten. Dies bestätigt auch die deutsche Geschichte. Erich Mühsam und Gustav Landauer arbeiteten nach Ende des Kaiserreichs in München eng mit Kommunist*innen und unabhängigen Sozialdemokrat*innen zusammen.

Dieser Sachverhalt erinnert uns auch an etwas, das bis heute vielleicht unterschätzt wird: bei aller Kritik an und Distanzierung von der Sowjetunion blieb ein Teil des anarchistischen Traumes weiter an diese geknüpft. Genauer: an ihre Anfänge, das Verlangen der Massen nach einer freien und gerechten Welt, und vor allem an die plötzlich berechtigt erscheinende Hoffnung, dass eine solche möglich war. Mit dem ebenso raschen wie unerwarteten Zerfall der Sowjetunion 1989 taumelte auch der Anarchismus in eine Sinn- und Orientierungskrise, die er trotz aller Versuche individualistisch-neoliberaler Kompensierung bis heute nicht überwunden hat. Die anarchistische Freude über den Zusammenbruch eines allerspätestens seit der Spanischen Revolution ausgemachten Systemfeindes, den Staatssozialismus, war zweifelsohne genuin, unterschätzte aber die psychologischen Auswirkungen auf die eigene Bewegung. Den Ursprüngen dieses Paradoxons noch einmal auf die Spur zu gehen (möglicherweise unbewusst), gehört zu den Verdiensten von Adamczaks Buch.

Adamczak beweist, wie erfrischend es sein kann, wenn Menschen Kluges zum Anarchismus schreiben, die sich selbst nicht unbedingt als Anarchist*innen begreifen. Identitäre Eitelkeiten spielen dadurch keine Rolle. Hingegen können, sind grundlegende Sympathie und Respekt vorhanden, Entwürfe gelingen, die ausgewogen über historische Ereignisse reflektieren, die zu bedeutend sind, um sie zu Schauplätzen ideologischer Schlammschlachten verkommen zu lassen. Was Adamczak zu den Machnowtschina oder dem Kronstädter Aufstand zu sagen hat, gehört zu dem Besten, was es dazu im Deutschen zu lesen gibt.

Dem Scheitern der Russischen Revolution geht Adamczak unter besonderer Berücksichtigung der Kriegssituation, der Landfrage und der Rätestrukturen nach. Als erfreuliche Begleiterscheinung lernen Leser*innen auch etwas über Kapitel der Revolution, die im deutschsprachigen Raum nicht sonderlich bekannt sind, etwa der Bürgerkrieg in Finnland (bis 1917 unter russischer Verwaltung) oder die temporäre Kontrolle der Stadt Samara durch eine nicht-bolschewistische Koalition, die versuchte, sozialdemokratische Maßnahmen durchzusetzen.

Manches mag Leser*innen, die mit Adamczaks Büchern Kommunismus. Kleine Geschichte wie alles anders wird (2004) und Gestern Morgen. Über die Einsamkeit kommunistischer Gespenster und die Rekonstruktion der Zukunft (2007) vertraut sind, bekannt vorkommen. Auch diese Bücher waren „gegen beide gerichtet: Stalinismus wie Antikommunismus“. In dem vorliegenden Essay finden sich jedoch genug neue Schwerpunkte, Nuancen und Einfallswinkel, um ihn eine Fortsetzung und keine Wiederholung früherer Arbeiten sein zu lassen.

Von besonderer Bedeutung sind die Schlussfolgerungen Adamczaks, in denen sie noch einmal auf die solidarische Einheit der Linken zu sprechen kommt. Jemand wie ich, der felsenfest davon überzeugt ist, dass eine solche Einheit unsere einzige Chance darstellt, ist von Sätzen wie folgenden entzückt:

„Rückblickend zeigt sich die Dringlichkeit der Kritik an der zentralistischen Parteilinie, an der Diktatur der Minderheit. Wenn die institutionalisierte Teleologie der leninistischen Partei eine spiralförmige Bewegung war, die den Kreis der Partizipation immer weiter verengte, von tatsächlichen politischen Gegnerinnen über Bündnispartner und innerparteiliche Opposition, zu Fraktionen, Strömungen und Abweichungen, dann erhält retroaktiv jede Ausweitung dieses Kreises besonderes Gewicht: als Politik der Verbindung, der Verknüpfung, der Versammlung.“

Leser*innen, denen diese Perspektive zusagt, sollten zu Adamczaks Buch greifen. Leser*innen, für die das nicht gilt, erst recht. Perspektiven können sich auch ändern.

Gabriel Kuhn
(Februar 2018)